13 - Geistliche Spiele heute. Das Oberammergauer Passionsspiel/ClipID:48727 previous clip

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Worum geht es in dieser Folge?

In dieser letzten Folge der Podcast-Reihe werfen wir einen Blick auf das Oberammergauer Passionsspiel, das seit 1634 noch bis heute alle 10 Jahre aufgeführt wird und als modernes geistliches Spiel verstanden werden kann. Dabei geht es nicht nur um den Inhalt und die Entwicklung des Spiels, sondern auch um die Probleme, denen sich ein modernes geistliches Spiel stellen muss.


Weiterführende Informationen

Offizielle Website des Oberammergauer Passionsspiels hier (zum Spiel allgemein) bzw. hier (zur Geschichte)

Reinbold, Wolfgang: Das Oberammergauer Passionsspiel 2022. Vom Hort des Antisemitismus zum Vorkämpfer gegen Antisemitismus. In: Zeitschrift für Theologie u. Kirche 120.1 (2023), S. 124–154 (hier online abrufbar).

Schulze (2012), hier S. 227–230. 


Jule Stegner u. Lisa Stock

Recording date 2023-06-29

Warum ein kleines Dorf in Bayern alle zehn Jahre in den Ausnahmezustand versetzt wird, was es mit dem „Haar- und Barterlass“ auf sich hat und mit welchen Herausforderungen ein geistliches Spiel heute zu kämpfen hat – Das und mehr in dieser letzten Folge der Podcast-Reihe zu den geistlichen Spielen.

Bühne aufs Ohr. Eine Reise durch die geistlichen Spiele des Mittelalters

Wir, das sind meine Kollegin Lisa Stock und ich, Jule Stegner, möchten heute zum Abschluss dieser Reihe einen kleinen Ausblick auf die geistlichen Spiele heute geben – und zwar nicht irgendein geistliches Spiel, sondern das Oberammergauer Passionsspiel, das seit Mitte des 17. Jahrhunderts noch bis heute alle zehn Jahre in dem kleinen Ort Oberammergau aufgeführt wird.

Wir erinnern uns: Die geistlichen Spiele entstanden aus dem Bedürfnis heraus, die Heilsgeschichte Jesu und auch den Kirchengottesdienst, der damals noch auf Latein gehalten wurde, dem Volk verständlich zu machen. Mit der zunehmenden Volksbildung, dem Gottesdienst in Volksprache und nicht zuletzt dem Rückzug der Religion ins Private, könnte man eigentlich meinen, dass sich die geistlichen Spiele bis heute quasi abgeschafft hätten.

Eine große Ausnahme davon stellt aber das Oberammergauer Passionsspiel dar.

„Die Geschichte des Oberammergauer Passionsspiels beginnt 1633. Mitten im 30-jährigen Krieg, nach monatelang im Leiden und Sterben an der Pest, gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen.“

Durch das Nachspielen der Leidensgeschichte Jesu sollte für die Spielerinnen und Spieler Gottes Gnade erwirkt werden. Und scheinbar hat das auch ganz gut funktioniert, denn der Oberammergauer Dorfpfarrer Daisenberger schrieb in der Ortschronik:

„1632 brachte ein Mann von hier namens Kasper Schisler die Pest ins Dorf. In dem großen Leidwesen, welches die furchtbare Krankheit über die Gemeinde gebracht hatte, sind die Vorgesetzten der Gemeinde zusammengetreten und haben das Verlöbnis gemacht, die Passionstragödie alle zehn Jahre zu halten, und von dieser Zeit an ist kein einziger Mensch mehr gestorben, obwohl noch etliche die Pestzeichen an sich hatten.“

Vom Einzug in Jerusalem bis zum Tod an Kreuz und der Auferstehung erzählt das Passionsspiel die Geschichte Jesu. Ganze fünf Stunden dauerten dabei die jüngsten Inszenierungen. Gespielt wird auf der Freilichtbühne des Passionsspieltheaters in Oberammergau, das eigens zu diesem Zweck errichtet wurde und Platz für ganze 4.500 Zuschauer bietet. Was mittlerweile ein Spektakel für hunderttausende Zuschauer ist, begann einst als eine Dorf-interne Angelegenheit. Aus Platzmangel fanden die ersten Passionsspiele sogar auf dem Dorffriedhof statt.

Ein Manuskript aus dem Jahr 1662 lässt erkennen, dass das sogenannte „Augsburger Passionsspiel“ als Grundlage für das Oberammergauer Passionsspiel diente. Texte aus seinen Anfängen sind nicht überliefert, dafür über Berichte über die Spiele: Die Textfassung des Passionsspiels änderte sich im Laufe der Geschichte immer wieder, wurde angepasst und umgeschrieben – aber dazu später mehr.

Was ist es also, was die Oberammergauer Passionsspiele neben der langen Entstehungsgeschichte so besonders macht?

Nun, zunächst einmal machen die Oberammergauer alles selbst. In der Inszenierung aus dem Jahr 2022 spielten fast 1.800 Bürgerinnen und Bürger mit und übernahmen dabei vom Jesus bis zum Feuerwehrmann alle Rollen und Aufgaben auf, vor und hinter der Bühne selbst. Die Regeln zum Mitspielen sind ganz schön streng: Nur gebürtige Oberammergauer oder solche, die schon seit mindestens 20 Jahren im Dorf wohnen, dürfen mitspielen. Na gut, Ausnahmen gelten dabei für die Kinderdarsteller.

Am Aschermittwoch im Jahr vor dem Beginn der Spiele erfolgt dann der sogenannte „Haar- und Barterlass“. Alle Darstellerinnen und Darsteller werden angehalten, sich die Haare, und die Männer auch die Bärte wachsen zu lassen. Der Erlass hat eine lange Tradition, aber auch ganz praktische Gründe. Der logistische Aufwand, Perücken für alle Darsteller herzustellen und anzupassen, der wäre schlichtweg zu hoch. Neben alle Mitspielerinnen und Mitspieler ihrer Haare einfach wachsen lassen, wird auch ohne Perücken ein authentisches Auftreten ermöglicht.

Eine szenische Besonderheit stellen die sogenannten „Lebenden Bilder“ dar. Das sind Standbilder der Schauspieler, die jeweils eine Szene aus der Bibel, meist aus dem alten Testament, darstellen und die mit Chorgesang hinterlegt sind. Generell nimmt die Musik eine große Rolle im Oberammergauer Passionsspiel ein. Von den insgesamt fünf Stunden Spieldauer sind ungefähr drei musikalisch begleitet. Komponiert wurde die Musik von Rochus Dedler und immer wieder durch Stücke von Markus Zwink, dem aktuellen musikalischen Leiter der Spieler, erweitert. Dedler und Zwink stammen beide übrigens auch ebenbürtig aus Oberammergau.

Der ganze Aufwand also dafür, das gelingt, was der Evangelist Lukas am Ende seiner Erzählung der Leidensgeschichte schrieb:

„Alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg.“

Das Oberammergauer-Passionsspiel ist, wie bereits vorhin angedeutet, ein wunderbares Beispiel um zu erkennen, wie sich geistliche Spiele im Laufe der Zeit verändern, aber auch um zu erkennen, vor welchen Herausforderungen sie in unserem Zeitalter stehen. Ein wichtiges Thema spricht hierbei Wolfgang Reinbold in seinem Werk „Das Oberammergauer Passionsspiel 2022. Vom Hort des Antisemitismus zum Vorkämpfer gegen Antisemitismus“ an. Denn noch vor 2000 erntete das Passionsspiel große Kritik und empören seitens jüdischer Zuschauer. Der in den USA lebende Rabbiner Joseph Krauskopf spricht über seine Erfahrungen:

„I know of nothing that could have rooted deeper, among these people, the existing prejudice against the Jew, and spread wider, the world’s hatred of him, than this Passion Play of Oberammergau. There were moments, when listening to the play, when seeing one gross misrepresentation of the Jewish people after the other, I felt as if I had to rise, and declare aloud to the thousands that crowded the auditorium, that what they heard and saw, was, as far as it depicted or typified the Jew, unhistoric in fact, false in interpretation, cruel in inference.“

Einen Ausweg aus dieser Sackgasse findet das Oberammergauer Passionsspiel im Jahr 2000. Die Regie reagiert auf die Kritiken und beginnt, in biblische Texte einzugreifen und diese auch zu korrigieren. Ein Beispiel hierfür ist die antipharisäische Polemik im 23. Kapitel des Matthiasevangelium, um Reinbold zu zitieren:

„“Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler“ sagt Jesus hier wieder und wieder, bevor er Punkt für Punkt aufzählt, was sie nicht verstanden haben oder in ihrer Praxis nicht so umsetzen, wie sie es die Leute lehren. Dieser harte Angriff hat nach Auffassung der Regie keinen Ort mehr im neuen Passionsspiel. Nun sagt Jesus „Weh euch“ (Fassung 2022), beziehungsweise „Weh euch, ihr Heuchler“ und sagt das nicht zu den Pharisäern, sondern zu den Priestern (Fassung 2010)“.

So wie diese Bibelstelle werden noch viele weitere Stellen umgeformt, bearbeitet oder ganz weggelassen. Das Jahr 2000 dient als Neuanfang. Der gesamte Text wird bearbeitet, erweitert, revidiert und neugestaltet. Die Aufführung gilt als ein epochaler Umbruch und die Passionsspiele stellen sich ihrer antisemitischen Tradition und Wirkung entschlossen entgegen. Der Text wird im Geist des christlich-jüdischen Dialogs überarbeitet und man gibt der Regie die Freiheit, das Stück weiterzuentwickeln. Weiterzuentwickeln zu einem Spiel für „heutige Menschen“.

Das geistliche Spiel heute zeigt sich somit durch eine relativ freie Regie. Es wird geformt, wie man es für angemessen hält, das textliche und dramaturgische Feld ist offen. Aber genau hier steht das geistliche Spiel vor enormen Herausforderungen: Nach welchen Kriterien wird ausgewählt? Was kommt zur Aufführung? Was nicht? Welche Geschichte will das Spiel erzählen? Welchen Jesus will es zeigen? Transparent für die heutigen Probleme, aber zugleich Jesus als historische Figur? Wie nah wird an den biblischen Grundlagen gearbeitet? Hat das Spiel noch immer eine missionarische Funktion?

Das Passionsspiel steht vor genau diesen und noch vielen weiteren Herausforderungen. Eine komplexe Aufgabe unter komplexen Bedingungen.

Wie geht es also weiter mit den geistlichen Spielen? Mit der Aufführung 2022 in Oberammergau beginnt erneut eine neue Epoche. Auch hier ist das textliche und dramaturgische Feld offen und aus dem althergebrachten Passionsspiel ist ein modernes Theaterstück geworden, wie wir es heute von den großen Bühnen alle kennen. Es ist transparent, unterhaltsam, sozial, politisch. Die Themen „soziale Gerechtigkeit“, „gerechte Gesellschaft“ und die politische Dimension spielen eine große Rolle.

Die geistlichen Spiele, und somit nicht nur das Oberammergauer Passionsspiel, stehen hiermit vor einer neuen Ära, die sowohl Chancen, also Risiken bereithält. Wie hier am Oberammergauer Beispiel deutlich wird: „Die Entfernung der Oberammergauer Passionsspiele von ihren Gründungsbedingungen ist in jeder Hinsicht groß. Im Blick auf die dargestellte Geschichte, die Aufführung und die Wirkungsabsichten. Die Tradition besteht nicht darin, was und wie gespielt wird, sondern dass gespielt wird – eine theatrale Attraktion, die im Fremdenverkehr großen Anklang findet.“

Auf der einen Seite will das Spiel ein „Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus“ sein. Auf der anderen Seite möchte es transparent sein für die heutigen Fragen und Probleme unserer Zeit. Doch kann das alles gelingen? Und wenn ja, wie? Wie schließen wir die Kluft zwischen der Bibelgeschichte und der Aufführung?

All das und vieles Weitere sind Fragen, die zum Ende unserer Folge offenbleiben und die auch Jule und ich nicht beantworten können. Doch sie geben einen interessanten Denkanstoß darüber nachzudenken, wie sich geistliche Spiele auch in naher Zukunft entwickeln werden. Und somit sind wir auch schon am Ende angelangt und zwar nicht nur unserer Folge, sondern auch unserer Podcast-Reihe. Wir bedanken uns ganz herzlich fürs Zuhören. Weitere Infos findet ihr wie immer in den Shownotes.

Bühne aufs Ohr. Eine Reise durch die geistlichen Spiele des Mittelalters

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Language

German

Organisational Unit

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Producer

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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