Wer ich bin - und wie ich das mache.../ClipID:52523

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An der FAU gibt es eine ganze Reihe an Podcasts: Studierende stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, Kanzler Christian Zens spricht über Entwicklungen an der Uni und einzelne Lehrstühle präsentieren ihre Forschung.'

Einen Überblick über das Podcast-Angebot der FAU finden Sie auf dieser Seite.

Recording date 2024-04-18

Wer ich bin - und wie ich das mache…

„Du wirst später mal Intendant“, sagte Prof. Felix Müller zu mir nach der staatlichen Diplomprüfung, „…oder Lehrer.“ Intendant bin ich nicht geworden, Lehrer schon. An der FAU seit Oktober 2007. Und jetzt ist ein Arbeitsbericht gefragt, eine Tätigkeitsbeschreibung, eine Berufsbiografie, blitzlichtartig aktualisiert und eingedampft auf 15 Minuten. Ein Drittel Übersicht fachliche Herkunft und jetzige Tätigkeiten, zwei Drittel Vertiefung eines Lehrthemas. Ob mir das gelingt? Ein Drittel plus zwei Drittel machen nahezu 100% der Zeit - nicht ganz, es sind nur 0,999999… Soviel weiß ich noch aus meinen naturwissenschaftlichen Leistungskursen Mathematik und Physik, die ich eigentlich später auch studieren wollte. Das letzte verbliebene, aber nicht messbare Teilchen Zeit schenke ich dem Publikum…

Ich habe nicht das studiert, was ich sehr gut konnte, sondern das, was mir am meisten Freude und Neugier bereitet hat: Germanistik, Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft. Bis zur linguistischen Zwischenprüfung bei Frau Prof. Habermann, die ich dann fünfzehn Jahre später wieder sehen sollte…

Die Präsentationsform dieses Vortrags sei egal, es komme auf den Inhalt an, versteh- und nachvollziehbar, transparent und im Gedächtnis bleibend. Das kommt mir bekannt vor, so ähnlich klingt die Arbeitsanweisung in den meisten meiner Seminare. Das zu können, sollen meine Studierenden lernen: Vortragen, damit das Publikum versteht. Akustisch einprägsam, inhaltlich klar, persönlich überzeugend. 15 Minuten - das bedeutet zum Vorlesen etwa fünf Seiten á 14pt-Schrift mit einskommadreifachem Zeilenabstand. So bereite ich mich selbst auf Lesungen vor. Warum lese ich diesen kleinen Vortrag vor? Weil ich das Vorlesenauch meinen Studierenden beibringe. Und weil ich es kann. Besser als eine KI, die angeblich alles besser kann, größer schneller weiter, und uns Menschen alles erleichtert und abnimmt. Damit wir in Zukunft nur noch im Metaversum leben oder auf dem Mars oder festgewachsen in Internetsesseln - wie im Roman „Die Maschine steht still“, den ich an der FAU in mehreren Aktionen gestaltet habe. Meine Welt ist hier, ist echt, ist real, sind echte Men-schen in echten Situationen und Begegnungen. Lieber natürlich unfertig und noch suchend als künstlich intelligent und perfekt. KI macht keine Fehler, angeblich. Bei mir macht auch keiner Fehler. Weil es bei mir keine Fehler gibt. Fehler sind allenfalls Helfer, gebaut aus den gleichen Buchstaben. Bei mir probieren sie sich aus, die Suchenden, die Lernenden, bei mir finden sie zu ihrem eigenen Stil, ohne Leistungsdruck und ohne zu erfüllende Erwartungen. Es gibt kein „richtiges“ Sprechen, es gibt keine perfekte Art vorzutragen. In der Kommunikation gibt es weder gut noch schlecht noch richtig noch falsch. Durch Kommunikation teilen wir uns mit, teilen Situationen, tauschen wir uns aus. Gelingt uns das, freuen wir uns, gelingt uns das nicht, sind wir enttäuscht. Das war im Neandertal so, das ist heute noch so, und ob das KI jemals können wird - enttäuscht sein - wage ich zu bezweifeln.

Vorlesen habe ich im Studium gelernt, Schauspielstudium an der Musikhochschule Stuttgart, Abschluss mit staatlichem Diplom „gut“, vorzuzeigen beim Vorsprechen an einem Theater und bei der Rentenversicherung. Wir haben nach der sogenannten „empfindsamen Art“ - zu englisch „Method acting“ - gelernt, haben stundenlang einen Apfel betrachtet, um ihn mit allen Sinnen zu erfassen, bevor wir erlösend in ihn hineinbeißen durften. Das war lange nicht so mein Ding. Ich stand mehr auf Brecht und die „epische Art“ des Theaters, also Behauptung statt Erleben, Gegenüberstellen statt Hineinversetzen, verfremden statt eintauchen. Mittlerweile beherrsche ich beide Arten und finde beide faszinierend.

Ich spreche doch lieber selbst, genieße jeden Konsonanten und jeden Vokal in der richtigen Reihenfolge, gestalte, ja singe fast jeden Satz, freue mich daran wie meine Stimme in den Raum hinausträgt und den Schallwellen einen tieferen Sinn verleiht. Kein Messgerät kann diese Wirkung darstellen, und doch ist sie unbestritten. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt…“ fasst es Shakespeares Hamlet zusammen. Ich arbeite mit den Mitteln des Theaters, Begrifflichkeiten wie „Dramaturgie“, „Bühnenpräsenz“, „Auftrittsenergie“, „Senden und Meinen“, „eine Figur gestalten und damit eine Rolle erfüllen“. Und auch auf das Neandertal und das aus ihm übrig gebliebene Reptiliengehirn gehe ich gerne ein, um meine Studierenden davon zu überzeugen, wie viel bei unserem Verhalten noch instinktiv und andererseits angelernt ist und was wir davon durch Umlernen beeinflussen können. Und auch dass sie keine Angst haben müssen, im Umgang mit öffentlichen Situationen. Dazu übe ich viel praktisch mit ihnen. Keiner kann sich verstecken. So wie jetzt Ihr auch. Ich möchte gerne eine Übung mit Euch machen, damit Ihr Eure eigene Stimme findet:

Aha / Oha / aja / eieiei / ha

Spürt Ihr Eure Stimmbänder? Wenn man diese Übung weiterführt und oft wiederholt, weckt man seine Resonanzräume und die Kraft der eigenen Stimme in der Indifferenzlage. Das ist die natürliche Sprechstimme in einer noch nicht näher differenzierten Situation. Kommen wir zu einer zweiten Übung:

Steht doch bitte einmal alle auf, legt euch die linke Hand auf den Bauch, die rechte auf den Kopf, dreht euch einmal um euch selbst und setzt euch wieder hin.

Was habt Ihr jetzt gelernt? Nichts? Doch: Dass es sehr einfach ist, Menschen zu manipulieren - und sie machen bereitwillig mit. Das ist eine Übung, die ich gerne schüchterne Studierende machen lasse - und sie hat einen sehr großen Aha-Effekt.

Wir Menschen besitzen Spiegelneuronen. Wo die sitzen, darüber streiten sich die Gelehrten noch. Dass wir aber diese Gabe besitzen, ist unstrittig. Wir Menschen können sehr differenziert kommunizieren, und je mehr wir uns aufeinander einlassen, desto mehr gelingt es uns. Dabei spiegeln wir unser Gegenüber desto mehr, je mehr Empathie wir besitzen. Ich spreche freundlich zu Euch, ihr alle schaut mich jetzt freundlich und interessiert an, weil Ihr etwas erfahren wollt. Das nutze ich wiederum für mich aus. Wir trainieren das in einer unterhaltsamen Spiegel-Übung.

Übrigens: Ein Korken kommt selten zum Einsatz. Der hat in der Logopädie fast ausgedient. Dann noch eher der Blubberschlauch. Wie der funktioniert, zeige ich Euch am Ende dieses kleinen Vortrags.

Viele meiner Übungen kommen aus der theatralischen Improvisationsarbeit, die vor allem das Programm der ersten beiden Semester eines Schauspielstudiums darstellen. Dort lernt man auch das Prinzip des Perspektivwechsels: das Lesen und Verstehen einer Situation oder gar Szene aus einer anderen Richtung heraus.

Wie kommt ein Schauspieler an diese Universität und was will er dort eigentlich. 2006 brauchte ich einen Job, nachdem das ganze Ensemble des Erlanger Theaters mit neuer Intendantin in die Wüste geschickt worden war. Als alleinerziehender Papa kümmerte ich mich nach Kräften um den 5 und 7 Jahre alten Nachwuchs und musste dazu noch irgendwie Geld verdienen. Da kam mir Frau Habermann wieder in den Sinn. Sie war mittlerweile die Lehrstuhlinhaberin für Linguistik an der FAU. Ob Sie sich noch an mich erinnerte? Sie tat es sogar sehr gut, vermittelte mich ans ZIEW, das bald ZiWiS hieß und seit eineinviertel Jahren jetzt ZIWIS heißt. „Namen sind Schall und Rauch“, sagt Faust, als Gretchen ihm die eine Frage stellt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich am ZIEW / ZiWiS / ZIWIS eine ganze Kurspyramide. Das Handout gibt es erst hinterher, sonst passt wieder keiner mehr auf…

„Sie sind im Grunde Linguist…“, sagte neulich Frau Habermann auf der Straße zu mir. Ich würde eher sagen, ich liebe die gesprochene Sprache und ihre Möglichkeiten, und ich liebe es, diese den Menschen in meinen Kursen in allen Facetten der menschlichen Kommunikation beizubringen. Auch die physikalischen Aspekte. Physik ist die Lehre von der Natur. Nichts künstliches also. Das hat mich meine altgriechische Schulbildung gelehrt. Ich bin mit meiner Arbeit also doch wieder bei der Physik angekommen, betrachte Schallwellen und ihre Zusammensetzung und wie der Körper sie bildet. Der Körper lügt nicht. Er zeigt immer, wie es ihm geht. Meine innere Stimmung beeinflusst meine Körperhaltung und vor allem meine Stimme. Mit meiner Stimme kann ich mein Publikum beeinflussen. Kein Grund also, das menschliche Sprechen durch eine KI zu ersetzen. Aber Grund genug, mit meinen Studierenden alle Aspekte des Wirkens der menschlichen Stimme zu untersuchen und praktisch zu üben.

Ja, dazu gibt es ab und zu alberne Spiele, mit einem Ball zum Beispiel. Keine Sorge, wir müssen jetzt nicht werfen, schon gar nicht fangen. Damit tun sich erstaunlicherweise immer mehr Menschen unheimlich schwer. Übrigens auch KI’s, die können das auch noch nicht besonders gut. Genauso wenig wie sie mit einer maschinellen Hand eine echte Tasse Milchkaffee kleckerfrei an einen Tisch manövrieren können. Carola kann das schon - danke an dieser Stelle dafür.

Es gibt Artikulationsübungen, damit wir Küche, Kürsche und Kirche nicht nur optisch, sondern auch akustisch unterscheiden können. Warum sich das Akustische und nicht das Optische durchgesetzt hat für die Sprache? Ein letzter Blick zurück in die Evolution: Mit dem Akustischen können wir um die Ecke kommunizieren, mit dem Optischen können wir ganz viel gleichzeitig erfassen. Das hängt wieder mit der Physik zusammen. Bauartbedingt können Schallwellen um Hindernisse besser rum als Lichtwellen, die Ihrerseits wiederum mehr Informationen gleichzeitig vermitteln können. Deshalb können wir genüsslich die Augen beim Schlafen zumachen, weil sie uns im Dunkeln eh keine Informationen vermitteln können. Die Ohren aber - leider - können wir nicht zuklappen. Jeden Schnarcher könnten wir so aus den Gehörgängen fernhalten. Aber wir brauchen das Gehör für alle Informationen, die buchstäblich um die Ecke kommen. Deswegen ist unser Gehör auch so feinnervig, was Sprache und Sprechen anbelangt. Wir hören den gesamten unteren Teil des Eisberg-Modells, manchmal verstehen wir ihn allerdings anders, weil wir aus einer anderen Perspektive drauf blicken bzw. hören.

Jetzt wisst Ihr ein wenig über meine Herkunft, meine Lehrauffassung, meine Inhalte - über mich, genau… So enden manche Sätze, wenn jemand nicht weiter weiß. Meist liegt es nur daran, dass kein Ende gefunden wurde, und die Satzmelodie einfach oben blieb… Es ist nämlich so, dass uns das Ende eines Satzes mit Stimme nach unten recht schwer fällt, weil der Satz dann nicht mehr verändert werden kann. So wie dieser Vortrag eben auch.

Wenn es keine Fragen mehr gäbe, käme ich zum Ende meines kleinen Vortrags und würde ich mich an dieser Stelle für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.

Halt - keine Konjunktive. Nur dann, wenn sie wirklich Sinn machen. Also: Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit, weil ich am Ende meines Vortrages bin. Ohne käme und würde, allenfalls mit Würde. Aber auch diese langweilige Schlussformel trainiere ich meinen Studierenden ab. Sie sollen sich einen prägnanten Schluss überlegen, der im Gedächtnis bleibt, der aufhorchen lässt. In etwa so: Dankeschön, und jetzt wird geblubbert…

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Lecturer

Stefan Rieger

Via

Free

Language

German

Organisational Unit

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Producer

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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