4 - Zukunft der Lehre: Podiumsgepräch Teil II/ClipID:50808 previous clip

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Podiumsgespräch Teil II: Bildung durch Hoschulen.

In diesem Podcast unterhalte ich mit mit Prof. Dr. Martin Huber, Prof. Dr. Christina Zitzmann und Torsten Utz (Sprecher der Landesstudierenenvertretung) über die Auswirkungen der Digitalsierung auf die Lehre. Im Mittelpunkt dieses Gesprächs standen Fragen der Bildung sowie Veränderungen wie ein akademisches Mentorat.

Das Gespräch fand am 10.10.2023 auf dem Symposium des Projekts QUADIS an der Universität Erlangen-Nürnberg statt.

Recording date 2023-11-22

Intro: Die Zukunft der Lehre. Wissen teilen. Chancen gestalten. Ein Podcast. Wir haben Corona super gemeistert, finde ich. Also wir sind da wirklich Bildungsgestalten gewesen. Dann komme ich, egal wo ich hingehe, in Bayern an einen ganz inspirierenden Lernort. Ich glaube, solche Sachen muss man aufpassen, dass man da nicht zu konservativ an die ganze Sache rangeht.

Uwe Fahr: Herzlich willkommen zum Podcast Zukunft der Lehre. Wissen teilen. Chancen gestalten. Mein Name ist Uwe Fahr. Ich bin Hochschul- und Wissenschaftsdidaktiker am Fortbildungszentrum Hochschullehre der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Sprecher von ProfiLehrePlus, dem Verbund der Bayerischen Hochschuldidaktischen Zentren. In dieser Reihe sprechen wir über die Zukunft der Lehre an Hochschulen. Wir sprechen zum Beispiel darüber, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Hochschullehre hat oder wie sich das Verständnis von Bildung verändert. In diesem Podcast hören Sie heute den zweiten Teil eines Podiumsgesprächs mit Prof. Dr. Martin Huber, Prof. Dr. Christina Zitzmann und Thorsten Utz. In diesem Podcast sprechen wir unter anderem über das Thema Bildung. Das Gespräch wurde am 11. Oktober 2023 auf dem Symposium Brückenschlag Lernprozesse in analogen, hybriden und digitalen Formaten aufgezeichnet. Die Fachtagung fand im Rahmen des bayernweiten Projekts QUADIS statt. QUADIS steht für die Qualität digital gestützter Lehre an Bayerischen Hochschulen steigern. Das Projekt wird getragen von ProfiLehrePlus und dem BayZiel.

Uwe Fahr: Gestern bei einem Vortrag hat Frau Prof. Ute Schmid uns auch sehr vieles über die KI-Entwicklung vorgestellt. Und eigentlich war so eine Sache, die ich bei ihr rausgehört habe, dass sie dann doch sehr deutlich gesagt hat, das, was KI tut, ist die Frage nach der Bildung neu zu stellen. Also was bedeutet jetzt eigentlich künftig Bildung mit sozusagen ganz neuartigen Wissenszugängen, vielleicht vor allem, wenn die auch mit Wissensdatenbanken verbunden werden? Frau Zitzmann, haben Sie schon eine Einschätzung oder Gedanken dazu?

Christina Zitzmann: Nein. Also es ist eine Frage der Bildung. Ich bin da bei ihr, ohne jetzt den Vortrag zu kennen, dass ich denke, wir müssen ganz stark nochmal drüber nachdenken, wie die Lernprozesse dann aussehen können und damit dann auch die Bildungsprozesse. Wir haben die Verantwortung, dass wir wirksame Bildungsprozesse initiieren in unseren Häusern. Und das fängt dabei an, und da komme ich wieder auf das zurück, was ich am Anfang gesagt habe. Also ich glaube, die Studierenden haben eine klare Vorstellung davon, was sie brauchen, wenn sie zu uns kommen. So hoffe ich. Und die Rolle der Lehrenden ist da, denke ich, ich würde es mir schon ein Stück weit weiter wünschen, also zu verstehen, es ist schon auch meine Aufgabe als Lehrende, diesen Prozess, eine Aktivierung im Lernprozess hinzuzuwenden. Ja, mich selber zu interessieren für meine Lehre. Wann ist die gut? Und auch zu sagen, ich trage auch eine Verantwortung mit den Studierenden, dass dieser Lernprozess erfolgreich wird. Und da geht es jetzt nicht darum, dass ich eine gute Performance abliefere, das wissen wir ja auch aus der Forschung, sondern es ist richtig anstrengend, dieses Active Learning. Und die Studierenden und mich in diesen Prozess zu bringen, da kann dann KIs, wenn ich es jetzt richtig verstehe, neue Sphären öffnen. Ja, bin ich dabei. Aber Dreh- und Angelpunkt ist bei mir nochmal diese Rolle, die der Lehrende einnimmt und diese jetzt aus Sicht als Vizepräsidentin, ja, so ein Stück weit mein Bauchweh, dieses wie kriege ich die Mehrheit der Lehrenden dazu, diese neue Rolle, also Sie hatten jetzt gerade gesagt, wollen Sie kontrolliert werden? Das würde ich gar nicht sagen, sondern ich würde sagen, wenn wir Sie ganz engmaschig in Ihrem Lernprozess begleiten, wissen wir beide, wo Sie stehen und was die nächsten Aufgaben sind. Aber dann bin ich Begleiter, da bin ich vielleicht auch mal jemand, der sagt, jetzt aber. Ja, Gas geben. Aber das würde ich jetzt nicht als Kontrolle sehen. Und dann weiß ich jetzt nicht, ob das die Antwort war, die Sie hören wollten, aber da bin ich geistig gerade so. Ich bin noch bei diesem, wie kriegen wir die Motivation hin, in diese Rolle zu gehen?

Uwe Fahr: Also es ist ja auch ein bisschen so die Frage danach, auf was hin werden die Studierenden dann künftig ausgebildet? Also welche Kompetenzen sollen sie künftig haben? Und vielleicht können wir an der Stelle auch so ein bisschen nochmal weiter gucken. Bleiben wir vielleicht ein ganz klein wenig noch bei der Frage, Bildung und Bildungsdiskussion. Ich habe mal aus diesem Papier des Wissenschaftsrates Empfehlungen für eine zukunftsfähige Ausgestaltung von Studium und Lehre den Satz rausgeschrieben, worum es geht, dass am Ende vielseitige, kreative und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten, die reflektiert auf neue Herausforderungen reagieren und ideenreich Innovationen anstoßen können, verantwortungsbewusste Persönlichkeiten stehen soll. Herr Utz, ist das das, wo Sie hinwollen?

Tosten Utz: Ich glaube, es ist ein entscheidender Punkt. Also weil, Sie werden gleich merken, ich komme aus dem technischen Bereich, aber wenn ich mir anschaue, was ich am Anfang des Studiums gelernt habe, jetzt vom Wissen, jetzt nicht von den Kompetenzen oder vielleicht von den Konstrukten, die dahinterstehen, aber vom reinen Wissen, das kann ich alles vergessen. Ja, weil das bringt mir nichts mehr, weil ich komme aus dem Informatikbereich, die Software und die Programmiersprachen, die wir gelernt haben, die existieren in dieser Form gar nicht mehr. Ja, und das heißt, wir haben eine unglaublich sich schnell ändernde Welt und wenn die Leute aus ihrem Studium rauskommen, dann kann es sein, dass das, was sie gelernt haben, gar nicht mehr aktueller Stand ist. Das ist auch gar nicht schlimm, wenn sie wissen, wie sie sich das aneignen können, das aktuelle Wissen und wie sie die Kompetenzen, die sie dahinter bekommen haben, ja, die Lernfähigkeit und die Reflektionsfähigkeit und so weiter, das spielt auch beim Thema KI natürlich eine wichtige Rolle, wenn sie das gelernt haben. Und da ist es tatsächlich dann gar nicht so wichtig, ja, ob das dann vom letzten Jahr ist oder von diesem Jahr ist. Natürlich arbeitet jeder gerne mit den aktuellsten Sachen, das muss man ja auch offen sagen und ich glaube, es ist auch wichtig, das zu tun. Aber trotzdem, also die Lehre, wie sie bisher stattgefunden und da kommen wir auch zu der Rolle der Lehrenden und der Lernenden, sage ich mal so dazu, die wird sich fundamental ändern müssen, weil sonst werden wir gerade mit den Herausforderungen, vor denen wir stehen, glaube ich gar nicht zurechtkommen. Und dahingehend vielleicht auch zu dem, was vorhin gesagt wurde, diese Bildung neu definiert und so weiter, ich glaube, diese Tools, die jetzt mit der KI ans Licht kommen, die offenbaren nur etwas, was schon viel länger eigentlich brodelt, sage ich mal so, und was eigentlich schon viel länger hätte angehen müssen und zeigen eigentlich nur, dass wir uns schon wesentlich länger mit dem Thema Lehre in die Breite, ich stimme Ihnen dazu, Frau Zitzmann, ich glaube, es gibt einzelne Leute, die können das schon sehr gut, aber wie kriegen wir das in die Fläche? Wie kriege ich meinen Professor, der kurz vor der Rente steht, dazu, sich vielleicht doch nochmal aufzuraffen und zu sagen, ja, ich habe jetzt Bock, mich nochmal zu ändern und nochmal was Neues zu machen? Und da muss ich Sie leider enttäuschen, das tun sehr viele nicht, also das ist halt sehr schade aus unserer Sicht, ja, weil auch wenn das natürlich jetzt nur wenige Jahre sind, sind trotzdem einige Generationen an Studierenden, die da durchgehen, die das dann halt einfach nicht so vermittelt bekommen, wie sie es vielleicht sollten.

Uwe Fahr: Herr Huber, wie sehen Sie das mit der Bildung in diesem Zusammenhang? Wo soll das hingehen mit der Bildung?

Martin Huber: Also dem Zitat kann ich mir natürlich anschließen, das ist unser aller Ziel, solche Persönlichkeiten auszubilden, aber ich glaube, der Kern dahinter ist ja der, dass Bildung sich eben jetzt definitiv nicht mehr so definieren lässt, wie es noch vor wenigen Jahren war, da gab es einen Anglisten, der ein Buch geschrieben hat, das hieß Bildung und da stand drin, was man sozusagen wissen muss, Dieter Schwanitz, das geht heute nicht mehr und deswegen ist es mir wichtig, zu betonen, dass es auch die Lehrenden betrifft, dieser Transformationsprozess und natürlich, wie bei jedem Transformationsprozess, gibt es auch eine Art, im Transformationsprozess gibt es Akteure, die sich dem verweigern und andere, die schneller sind, aber ich glaube, den müssen wir gehen und Bildung ist einfach neu zu fassen unter dieser Herausforderung, dass auch für die Forschenden sich ihr eigenes Feld ganz stark verändert. Also ich glaube, da muss man auch mal ehrlich dann mit den Studierenden, oder kann man mit den Studierenden sprechen, also was sie angedeutet haben, das Papier des Wissenschaftsrats hat ja auch nur eine andere Facette, die haben ja einen ganz konkreten Vorschlag gemacht, nämlich so etwas, was sie akademisches Mentorat nennen, vielleicht nicht der beste Begriff dafür, aber gemeint sind Feedbackgespräche zwischen Lehrenden und Lernenden und wenn man die ernst betrachtet, dann ist es tatsächlich auch ein Austausch, der natürlich eine gewisse Wissensfallhöhe hat, aber was allen klar ist, es gibt nicht mehr die Bildung, die definiert ist und wo man dann sagt, wenn du das alles weißt, dann gehörst du auch dazu, sondern wir sind in einem fluiden Feld, wo auch sich die Forschungsbereiche schneller verändern. Als Studiengänge enden, also in der Zeit eines Bachelorstudiengangs ist schon sehr viel passiert und das ist einfach ein neues Konzept von Bildung. Übrigens, wenn ich das als Germanist sagen darf, das hat schon Goethe 1810 in den Wahlverwandtschaften geschrieben, dass das Wissen in der Chemie damals nur zehn Jahre hält. Aus den zehn Jahren sind jetzt vielleicht vier Semester geworden, aber die Problematik ist eigentlich schon länger da. Also ich meine, die Universität muss auch nochmal neu definieren, was sie unter Bildung versteht.

Uwe Fahr: Frau Zitzmann, haben Sie das Akademische Mentorat in diesem Papier auch so verstanden, dass es eigentlich um eine Feedbackkultur geht?

Christina Zitzmann: Ja, wie ich das gelesen habe, ist mir erst ein anderer Satz so hängen geblieben, dass der Wissenschaftsrat wirklich auch einen Qualitätssprung von uns fordert. Und ich bin dann genau mit diesem Papier in unsere erweiterte Hochschulleitungsklausur gefahren und habe das vorgestellt. Und in der Tat habe ich mir drei Sachen rausgesucht, wo ich sagte, da müssen wir ansetzen und das Mentorat war mit drin. Und ich weiß, zum Beispiel an der KU in Eichstätt hatten wir sowas schon im ersten Jahr des Bachelorstudienganges. Die hießen Mentoratsgruppen und da haben wir wirklich aber das Mentorat so verstanden, dass wir eine Gruppe von 25 Studierenden jeweils angedockt haben an einen Lehrenden, der die wirklich im ersten Jahr, anders war das nicht machbar, begleitet hat in ihrem Ankommen an der Universität und auch in den ersten Schritten hinein in so ein akademisches Leben. Und deshalb habe ich immer dieses Mentorat bei mir im Kopf so als wirklich nochmal den Einzelnen ankommen zu lassen in diesem doch auch anderen System mit der Freiheit, wie ich studiere und wie ich mir das zusammenstelle. Und wir erleben das ja schon auch so, dass das oftmals auch in den Köpfen der Studierenden am Anfang noch sehr verschult ist. Und dieses Öffnen der Möglichkeiten auch, das kann in so einem Mentorat, in so einem Reflektionsprozess über mit welchen Fragen beschäftigen wir uns im Studium. Und wie kann ich auch eine persönliche, ja in diesem Lernprozess eine persönliche Betroffenheit herstellen, damit sich das verankert auch in das, was ich lerne. Und das habe ich da kennengelernt und deshalb ist es in meinem Kopf relativ klar, dass es so ein Reflexionsprozess der Zeit braucht. Und deshalb ist es natürlich immer auch eine Frage, wenn wir auf unsere Curricula schauen, wie sind diese Zeiträume möglich, weil es muss jemand abgeben. Ich gebe ehrlich zu, wie ich angefangen habe als Hochschullehrende, hätte ich so eine Diskussion schon als Angriff auch erlebt, wenn ich sage, gib mal bitte deine Prüfung in dem Fach, Theorien einführen, in die Theorien mache ich, gib mal deine Prüfung ab in dem Fach und überleg dir was anderes, hätte ich sofort gesagt, dann kommen die nicht mehr, wenn ich nicht prüfe. Ich bin da jetzt gedanklich weiter, aber ich verstehe das auch, dass man so an die Hochschule kommt und sagt, wenn ich nicht prüfe, dann funktioniert das nicht.

Uwe Fahr: Jetzt haben Sie mich natürlich neugierig gemacht. Was waren die anderen beiden Punkte, die Sie vorgestellt haben? Also der Qualitätssprung war das eine, das Mentorat und die Einführung von Curriculum-Werkstätten habe ich mit auf der Agenda gehabt und ich habe es schon genannt, die ganz starke Reduzierung von Prüfungen. Also Änderung von Formaten und Reduktion, was uns ja auch oftmals in der Akkreditierung Gutachter sagen, nimmt die Prüfungsdichte raus.

Uwe Fahr: Vielleicht noch zu diesem Themenbereich und dann gucken wir mal auf die Fragen. Herr Huber, wie sehen Sie das? Reduzierung von Prüfungen und Curricula entschlacken, ist das eine Option?

Martin Huber: Es ist immer eine Option, regelmäßig darüber nachzudenken, ob das alles noch passt, wie man sich das mal gedacht hat. Die Frage ist ja, wie man reduziert, also ob man reduziert, indem man andere Prüfungsformen, wie Portfolios oder eben wegkommt von so einer Finalprüfung, die summativ möglichst viel abprüfen möchte. Ich glaube, da gibt es ganz viele Möglichkeiten, wichtig ist aber, dass man es überhaupt anpackt. Da würde ich Kollegin Zitzmann zustimmen, das ist auch aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Punkt. Beide haben natürlich die Schwierigkeit der operativen Umsetzung, ich meine, dieses Mentorat ist wunderbar. Wir werden das aber auch nur flächendeckend hinbekommen, wenn es Teil der anerkannten und abrechenbaren Lehre ist, das muss man ganz klar sagen. Und dann stellt sich eben die Frage, was fällt dann an dessen Stelle weg? Oder müssen wir nicht über neue Formate nachdenken, dass eben nichts wegfällt oder nicht so viel wegfällt, weil wir eben das auch als Teil unserer Lehre verstehen? Und wir alle wissen, dass in einem absolut optimal fördernden Umfeld, man ja auch doppelt so schnell lernen kann oder ganz anders lernen kann. Also ich glaube schon, dass man da das eine oder andere tatsächlich verändern kann, ohne dass jetzt alle zwei Stunden auch noch so ein Mentorat oben drauf bekommen.

Uwe Fahr: Vielleicht noch ein ganz kurzes Statement von Ihnen, Herr Utz, was war für Sie oder was ist für Sie an diesem Papier vielleicht interessant?

Torsten Utz: Also ich fand sehr viele Ansätze sehr spannend, die Sie an diesem Papier auch skizziert haben. Und leider, was ich sehr enttäuschend fand, auch wenn das Thema natürlich überall aufkommt, ist das Thema der Finanzierung. Wir hatten es nämlich gerade schon, Anrechenbarkeit und so weiter. Und da ging es ja auch immer um Drittmittel und Grundfinanzierung und so weiter. Und ich glaube, ja, wir wissen alle, dass der Haushalt wahrscheinlich sehr angespannt ist. Aber letzten Endes macht es keinen Sinn, da nicht drüber zu reden, weil faktisch ist es einfach so, dass es hinten und vorne nicht reicht. Und das ist glaube ich etwas, was auch immer wieder wiederholt werden muss, weil sonst kommen wir da nicht weiter. Und diese ganzen Konzepte, die da mit drin stehen, lassen sich größtenteils nur realisieren, wenn wir da irgendwie vorwärts kommen. Ja, und ich finde es ein bisschen schade, dass sich da der Wissenschaftsrat dann so ein bisschen zurückhaltend stellt und sagt, ja, wir wissen ja, dass es schwierig ist, aber ihr solltet trotzdem. Ich weiß nicht, ob das dann bei den Leuten, die das entscheiden, auch wirklich so ankommt. Man könnte ja auch reinschreiben, wir brauchen das dringend. Aber so von den Konzepten her, ich fand es schon sehr spannend, auch diese Rolle, die Sie da nochmal mit aufgenommen haben, wie die Lehrenden sich sehen sollten oder wie sie sich entwickeln werden in der Zukunft, weil das schon sehr deutlich zeigt, dass dieses klassische Bild, was man von einer Vorlesung vor sich hat, Dozent steht vorne oder Dozentin und erzählt 300 Leuten irgendwas, dass das wahrscheinlich nicht mehr so hineinpasst, sondern dass man eher vielleicht auch kleinere Gruppen braucht, dass man eher auch in Richtung Projektarbeiten, in Richtung Diskussionsrunden, Reflexionsrunden gehen muss. Und das zeigt für mich auch, dass da viele Sachen dranhängen. Da hängen nämlich nicht nur die Lehrenden an sich dran, sondern da hängt auch die Infrastruktur dran, die wir haben, die großen Schräghörsäle, die wir überall haben. Wer weiß, ob man die wirklich noch braucht in den nächsten Jahren. Und sowas muss man, glaube ich, auch in Zukunft bedenken, dass man nicht nur eben auf diese, die Themen, die die Persönlichkeit natürlich betrifft, oder die Personen an sich, sondern auch das Drumrum. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt, wo man auch gut nachsteuern kann.

Uwe Fahr: Frau Zitzmann, kurz. Okay, dann würden wir jetzt mal schauen, was aus dem Publikum zur Frage kommt.

Katharina Scholz: Okay, also danke auf jeden Fall an sowohl die Diskussionsteilnehmenden als auch an die Leute, die hier fleißig auf Tweetback ihre Fragen gepostet haben und gevotet haben. Also wir haben zwei, die mit Abstand die meisten Stimmen bekommen haben. Und ich würde jetzt einfach von oben nach unten durchgehen, weil leider haben wir gar nicht mehr so viel Zeit. Also die erste Frage, die insgesamt von 13 weiteren Personen auch noch als gut empfunden wurde, ist, wenn sich der Schwerpunkt von Lehre dank OER und KI stärker auf individuelles Feedback und weniger auf Materialerstellung verschiebt, was bedeutet das für konkrete Beschäftigungsverhältnisse? Welche vielleicht auch neun Beschäftigungsmodelle sind da denkbar? Ist Lehre und Forschung als ein Jobprofil überhaupt noch sinnvoll?

Christina Zitzmann: Die Frage schon verstanden. Also können wir es zusammen auseinandernehmen?

Martin Huber: Ich kann mal versuchen, für die Universitäten zu antworten, weil das jetzt eine Frage ist, die man, glaube ich, Hochschulart spezifisch beantworten muss. Also wenn ich es recht verstanden habe, wird die Frage gestellt, ob vor den aktuellen Herausforderungen es noch sinnvoll ist, an diesem Profil festzuhalten, Lehre und Forschung in einer Person weiter zu haben. Also wir haben uns immer dagegen gewandt, das auseinanderzunehmen. Wir waren immer dafür als Universität, dass es nicht nur reine Lehrprofessuren oder Lehrstellen geben soll, weil wir davon ausgehen, dass Forschung und Lehre eng miteinander verzahnt ist. Und ich glaube auch, die Diskussion gerade mit der KI hat gezeigt, dass man gut tut, das tatsächlich auch weiter so zu machen. Dahinter liegt natürlich eine andere Frage. Wie kann man die prekären Beschäftigungsverhältnisse, die es sowieso gibt, vor diesem Hintergrund möglicherweise anders aufstellen, vielleicht besser sortieren? Da müsste ich mal drüber nachdenken.

Uwe Fahr: Ich habe vielleicht noch auch den Aspekt herausgehört, braucht es überhaupt noch Lehre in der Zukunft, wenn alles über OER-Materialien abgewickelt wird, wenn KI-Tutoren das Ganze übernehmen? Vielleicht braucht es ja gar nicht mehr so viele.

Torsten Utz: Ich glaube nicht, dass sich das ablösen lässt. Also gerade der persönliche Kontakt und die persönliche Betreuung ist enorm wichtig. Und die kann, glaube ich, auch keine KI irgendwie abbilden oder auch nur ansatzweise versuchen zu ersetzen. Ich denke tatsächlich, dass die Aufgaben sich durchaus verändern werden. Und die Frage, ob jetzt Lehrende und Forschende in einer Person stecken sollten, ich glaube auch, dass das weiterhin passieren wird. Aber die Frage ist halt, wie der Anteil daran auch liegt. Und ich meine, das ist auch sehr unterschiedlich zwischen Universitäten und Hochschulen, wo man dann natürlich an den Universitäten noch einen Mittelbau hat, der stark entlastet und an den Hochschulen nicht. Ja, genau, so kann man es kurz sagen, gibt es da einfach nicht. Aber auch die Grenzen verschwimmen ja zunehmend. Also die Hochschulen für angewandte Wissenschaften oder die Technischen Hochschulen oder wie auch immer, die sollen ja auch mehr forschen und mehr in diesen Bereich gehen. Und da muss man sich dann natürlich die Frage stellen, wie lässt sich das vereinbaren, also sehe ich ehrlich gesagt im Moment noch nicht so ganz, dass die das alles auf einmal machen sollen. Ich meine, jetzt haben wir ein neues Gesetz und alles super toll und so weiter. Aber letzten Endes brauchen wir ja trotzdem dann noch irgendjemanden, der es dann tut, auch am Endeffekt.

Christina Zitzmann: Ich glaube, wir müssen aus dem Denken raus, dass Lehre eine One-Woman- oder One-Man-Show ist. Lehre ist Gemeinschaftsaufgabe. Das muss man zusammengestalten. Wir müssen weg von dem, da steht ein Performer vorne. Bei den HAWs ist es so, wir haben 18 SWS-Lehrdeputat, also man muss da schon richtig Lust drauf haben auf Lehre. Und wir haben jetzt natürlich auch durch die HTA, haben wir natürlich auch Professuren, die gleich den Universitäten mit neuen SWS dann eben nur lehren. Aber das ist schon, ich habe jetzt ein Interview geführt, ich stehe da schon dazu. Lehre ist unser Kerngeschäft. Und da muss man Lust drauf haben. Und jetzt um die Frage nochmal. Also es gibt genügend Forschung dazu, die uns sagt, bei all den Technologien, die da zukommen werden, ist natürlich die Person, das Lehrenden nach wie vor ein ganz wesentlicher Prädikator für, ob das Lernen wirksam ist. Von daher bin ich da nicht skeptisch, dass wir uns selber abschaffen, wenn wir so etwas machen.

Torsten Utz: Ich würde vielleicht noch eine Ergänzung machen. Also ich glaube, man muss schon sich mal überlegen, ob jeder gute Forschende ein guter Lehrender ist. Aber das schließt sich ja nicht aus. Ja, gerade solche Programme wie jetzt diese Tage hier oder so, sollen ja dazu beitragen, dass sich das verbessert. Und warum sollten denn in einer Vorlesung nicht zwei Personen stehen? Wer schließt das denn aus? Also das glaube ich, da gibt es schon durchaus gute Modelle, wo man sich überlegen kann, wie man das gut unter eine Hut kriegt.

Christina Zitzmann: Ist jetzt die Möglichkeit mit dem neuen Gesetz, auch die Tandemlehre, also es tut sich was. Es tut sich was und bin ich auch froh drüber. Und da muss man, wir kommen jetzt schon auch die ersten Fragen, wie kann man jetzt das Deputat auch abrechnen und so. Und da sind solche Formate auch wichtig, dass man das eben nicht alleine zum Beispiel machen muss.

Uwe Fahr: Oder man könnte ja auch fragen, ob es flexibler wird, wenn ich als Forscher fünf Jahre vielleicht mal richtig im Lauf bin, kann ja auch mal sein, dass ich drei Jahre froh bin, nur noch Lehre zu machen.

Christina Zitzmann: Ja, oder man forscht mal über die eigene Lehre, ist ja auch interessant.

Uwe Fahr: Genau. Ich habe noch eine zweite Frage.

Katharina Scholz: Das ist ganz schön, weil die zweite Frage, die schließt sich jetzt hier quasi auch mit an. Was braucht es denn Ihrer Meinung nach konkret, damit mehr oder idealerweise alle Lehrenden über Lehren nachdenken und ihr mehr Gewicht gegeben wird? Klingt schön und richtig, aber wie kann das umgesetzt werden? Zum Beispiel, wenn Forschung immer als wichtiger und prestigeträchtiger angesehen wird. Und dazu kam dann gleich auch noch ein Kommentar aus dem Publikum. Vielleicht Impact Factor für OER, ist sowas denkbar, aber irgendwie vielleicht auch nicht so ganz realistisch?

Christina Zitzmann: Also das ist wirklich eine Frage, die mich umtreibt. Ich habe es für mich so beantwortet, dass wir wirklich ganz stark bei den Neuberufenen ansetzen bei uns, also dass wir wirklich alle Neuberufen in ein Gespräch auch in ein Programm bringen, um auch dieses und wir klopfen auch alle, die sozusagen auf der Liste stehen, mit denen wir ein Gespräch führen, auch ab hin auf das Thema Lehre und wie wichtig das Thema Lehre ist. Aber mein Schlüssel ist momentan und ich merke, dass der Hebel schon funktioniert, dass wir gerade die neu an die Hochschule kommen, in ein sehr enges Mentoring nehmen und da nehme ich mir auch viel Zeit dafür, die gut onzuborden für diese Lehre, die sie ganz lange Jahre lang machen dürfen, sage ich jetzt mal.

Tosten Utz: Ja, also am besten wäre natürlich, wenn jeder intrinsisch so motiviert wäre, das zu tun, aber wenn man mal in die Realität guckt, glaube ich, ist es leider nicht so. Und ich glaube, da gibt es ganz viele Stellschrauben. Also letzten Endes ist ja ein Dozent oder ein Forscher oder ein Professor wie auch immer doch auch nur ein Beruf. Und dementsprechend muss es auch Anreize in diese Richtung geben. Und wir haben vorhin draußen unterhalten und ein Kollege hat erzählt, es gibt kein Budget, dass er hierher kommt. Ja, da frage ich mich doch, woran liegt das denn? Ja, also wenn dann Leute das privat machen müssen, das macht kein Mensch. Wenn ich studiere berufsbegleitend, wenn mein Chef zu mir sagen würde, ja du machst das jetzt, kriegst dafür aber nichts, dann würde ich auch sagen, ja tschüss. Ja, und ich glaube, das ist der relevante Punkt dabei, dass man glaube ich auch an der Stelle vielleicht mal gucken muss, vielleicht gehört das auch zu den tatsächlichen Aufgaben dazu und es wird auch entsprechend entlohnt. Ob das jetzt Entlastungsstunden sind oder irgendwas anderes, da kann einem schon was einfallen. Aber es muss schon auch elementare Aufgabe sein, sich selbst zu hinterfragen und selbst zu verbessern, verbessern zu wollen an der Stelle.

Martin Huber: Ja, das ist ein Thema seit langen Jahren. Es ist richtig, dass die Forschung automatisch immer für Wichtige gehalten wird. Aber ich schließe mal an, wo wir am Anfang begonnen hatten. Also die Universitäten werden kämpfen müssen, ihre Studierendenzahlen zu halten. Sie werden um die besten Köpfe auch international kämpfen. Das wird nur gehen, wenn wir auch die Lehre auf den Prüfstand stellen und sie aber auch zumindest intern gleichwertig zur Forschung behandeln. Dazu haben wir jetzt auch die Möglichkeit, nach dem neuen BayHiG können wir ja auch einer Person, die einen super tollen neuen Studiengang macht, genauso, also nicht nur auszeichnen, mit nem Orden, sondern ihr auch Entlastung geben, ihr Freizeit geben, ihr die Möglichkeit geben, das durchzuführen und sie ähnlich behandeln wie jemand, der ein Riesen-Forschungsprojekt einwirbt. Das eine bringt halt ein paar Millionen akut in den Haushalt. Das ist sozusagen Finanzierungsproblem. Wie werden die Unis finanziert? Grundfinanzierung und Drittmittel. Und die Lehre ist aber genauso wichtig und ein Studiengang, der die richtigen Studierenden attrahiert, sollte dann den Universitätsleitungen auch sehr viel wert sein. Das können wir tun und das wollen wir eigentlich auch.

Uwe Fahr: Vielen Dank. Ich habe noch zwei kurze Fragen und ich bitte um kurze Antworten. Erste kurze Frage. Welche Rolle hat die Hochschuldidaktik in diesem Veränderungs- und Entwicklungsprozess?

Christina Zitzmann: Sie ist das Rückgrat.

Torsten Utz: Das kann ich nur bestätigen.

Martin Huber: Ich will es nicht nochmal sagen, aber zwei Sätze. Während Corona haben, glaube ich, alle kapiert, ohne die ZHLs wären wir nicht so weit. Und wir würden uns eigentlich wünschen, dass Sie diese intrinsische Motivation, die ja doch bei 180 Prozent liegt, eher als bei 100, weiter behalten.

Uwe Fahr: Vielen Dank. Dann habe ich noch eine letzte. Und ich würde Sie bitten, den folgenden Satz zu vollenden. Wenn ich mit einem Zauberstab die Hochschullehre verändern könnte, dann würde ich...

Torsten Utz: Soll einfach jemand beginnen? Ich glaube, ich probiere mich jetzt mal. Ich glaube, das ist nicht perfekt. Aber ich glaube, ich würde dieses veraltete Rollenbild der Lehre aus den Köpfen nehmen. Weil ich glaube, das hemmt uns an sehr vielen Stellen.

Christina Zitzmann: Dann komme ich, egal wo ich hingehe, in Bayern an einen ganz inspirierenden Lernort, wo ich gerne mich selber einschreiben würde, jedes Mal, weil da so viele inspirierende Menschen sind und ich ganz viel lernen kann.

Martin Huber: Ich würde mit dem Zauberstab allen Mut geben wollen, diese Veränderungen anzupacken, auch wenn es lange dauern wird.

Christina Zitzmann: Das ist auch gut.

Uwe Fahr: So, ich danke Ihnen allen ganz, ganz herzlich für diese anregende und tolle Diskussion.

 

Der Podcast Zukunft der Lehre Wissen teilen, Chancen gestalten wird vom Fortbildungszentrum Hochschullehre der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg im Rahmen des Projekts Quades erstellt. Produktion und Sprecher Dr. Uwe Fahr, Intro Dr. Stefan Rieger, Technische Unterstützung Thomas Bauernschmidt. Das Pianologo und die Musik stammen von Mood Mode Pixar Bay. Der Podcast entstand im Oktober 2023. Die Zukunft der Lehre. Wissen teilen, Chancen gestalten. Ein Podcast.

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Lecturer

Dr. Uwe Fahr

Via

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Language

German

Organisational Unit

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Producer

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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